Europa

"Bringt mir seinen Kopf" – Ursula zielt auf Moskaus Freund in Belgrad

Beobachter sagen, dass das Schicksal Wiktor Janukowitschs besiegelt war, als er im Januar 2014 auf Druck des Westens seinen Regierungschef Nikolai Asarow fallen ließ. Ähnlich könnte es dem serbischen Präsidenten Vučić ergehen, wenn er der EU den Kopf eines seiner Verbündeten vor die Füße legt.
"Bringt mir seinen Kopf" – Ursula zielt auf Moskaus Freund in BelgradQuelle: Sputnik © Kristina Kormilizyna, RIA Nowosti

Von Dmitri Bawyrin

"In Belgrad findet eine Farbrevolution statt, die untrennbar mit unserer Haltung zu Russland verbunden ist. Hinter dem Regime Change in Serbien stehen westliche Sonderdienste, die eine andere Regierung an die Macht bringen wollen. Das werden wir nicht zulassen."

Das sprach und versprach der stellvertretende serbische Ministerpräsident Aleksandar Vulin am 22. März bei einem Treffen mit dem Sekretär des russischen Nationalen Sicherheitsrates Sergei Schoigu in Moskau.

Genau eine Woche später verlangte die EU-Führung, dass Vulin aus der serbischen Regierung entfernt wird, oder besser gesagt, dass er in die jetzt zu bildende neue Regierung gar nicht erst berufen wird. Die alte kapitulierte unter den Schlägen ebendieser Farbrevolution.

"Wer sich antieuropäisch verhält, kann nicht gleichzeitig Serbien in die Europäische Union führen", sagte EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos mit Blick auf den stellvertretenden serbischen Ministerpräsidenten im Oberlehrerton. Früher genierte Brüssel sich noch, anderen Nationen offen zu diktieren, wer zum Minister ernannt werden darf und wer nicht, und zog versteckten Druck hinter den Kulissen vor. So oft, wie die Karten in Serbien unter Präsident Aleksandar Vučić neu gemischt wurden, so oft wurde Belgrad vor Vulin gewarnt – er solle nirgendwo eingesetzt werden. Vulin blieb immer weiter in Vučićs Kaderkartei. Nun aber wird seine Absetzung öffentlich gefordert.

Dem biblischen Kanon zufolge verlangte die jüdische Prinzessin Herodias über ihre Tochter Salome von Herodes Antipas, dem Herrscher über Galiläa, dass ihr der Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Tablett gebracht wird. Dieser hatte schlecht über sie gesprochen. Dieses grausame, aber bei Künstlern der Renaissance äußerst beliebte biblische Motiv spielt sich aktuell in Europa ab. Auf Betreiben von Ursula von der Leyen verlangt Marta Kos Vulins Kopf von Vučić. Statt eines bezaubernden Tanzes sollen "europäische Perspektiven" Serbiens Unterpfand dieses Gefallens sein.

Vučić ist natürlich nicht der Herrscher von Galiläa, sondern "nur" Präsident Serbiens, aber sein persönlicher Einfluss im Land ist ähnlich groß wie der eines Königs. Was Vulin betrifft, so ist er gewissermaßen "die Stimme des Rufers in der Wüste", wie sich der Prediger Johannes der Täufer selbst nannte: Der einzige hochrangige Vertreter der serbischen Behörden, der die EU, die USA und die NATO regelmäßig, konsequent und scharf als Feinde Serbiens und als Sackgasse der menschlichen Entwicklung kritisiert.

Offiziell ist man in Brüssel empört über die jüngsten Äußerungen Vulins, Serbien werde niemals Mitglied der EU werden, sondern möglicherweise den BRICS beitreten. Außerdem gefiel Marta Kos nicht, dass Vulin den russischen Geheimdiensten für ihre Hilfe bei der Bekämpfung der Farbrevolution dankte und "mehrere europäische Geheimdienste" für die Organisation der Proteste verantwortlich machte. Zudem sprach er darüber, wie der "tiefe Staat" in den USA den Präsidenten Donald Trump stürzen wolle.

Trump und seine Entourage unterstützen, wie man gemeinhin glaubt, im Konflikt zwischen den serbischen Behörden und der Opposition erstere. Aber Ursula, Marta und Co. warten nur darauf, dass Vučić den ersten Fehler macht, damit sie ihn aller Todsünden bezichtigen und mit dem gesamten europäischen Gremium auf ihn eindreschen können. Paradoxerweise könnte auch der Rauswurf von Vulin genau zu diesem entscheidenden Fehler werden.

Genau genommen ist Vučićs Hauptproblem jetzt nicht die europäische Bürokratie, sondern die eigene rebellische Bevölkerung: Die Zahl der Teilnehmer an den Protesten bleibt groß, egal, wie sehr man auf die Forderungen der Protestierenden eingeht. Die Demonstranten scheren sich jedoch nicht um Vulin: Er ist im Allgemeinen unbeliebt, aber Reizobjekt für die Menge ist nicht er, sondern Präsident Vučić selbst. Mit anderen Worten: Mit einem zu ihren Füßen als "Opfer" dargebrachten Vulin wird sich die Menge nicht zufriedengeben. Stattdessen könnte es sie noch weiter anstacheln.

Ein Teil der Demonstranten – diejenigen, die um jeden Preis in die EU wollen – wird frisches Blut wittern und den Kampf verschärfen. Der andere Teil wird sich über die Behörden ärgern, weil man sie missverstanden hat: Das Volk hat sich nicht über die Hurra-patriotische Haltung von Vulin beschwert. Auf diese Weise werden sich Serben mit sehr unterschiedlichen politischen Ansichten noch enger um die gemeinsame Idee scharen, dass Vučić schlecht und nicht serbisch genug ist.

Auf der Straße wird dem Präsidenten unter anderem vorgeworfen, dass er die Feinde des serbischen Volkes im Kosovo und in Bosnien nicht angemessen bekämpft, wo Bosniaken mit Ursulas Segen versuchen, den bosnischen Serbenführer Milorad Dodik ins Gefängnis zu bringen. Die Slogans "Kosovo ist Serbien!" und "Schützt Dodik!" – sind Gründe, warum sich die Europäische Kommission nicht offen mit den Demonstranten solidarisiert. Stattdessen versucht sie, die "Revolution" mit anderen Mitteln zum Erfolg zu bringen (d. h. Vučić abzusetzen). Eines der Mittel ist die angestrebte Beseitigung von Vulin.

Seine Gegner bezeichnen ihn wegen seiner eindeutig prorussischen Ansichten als "Agent Moskaus" in Belgrad. Das ist Vulin nicht, er ist viel kostbarer als ein Agent: das Bindeglied zwischen der russischen und der serbischen Führung. In den letzten drei Jahren hat er diese Funktion fast im Alleingang wahrgenommen.

Präsident Vučić hat die Kommunikation mit russischen Behörden auf dem Dienstweg auf ein Minimum reduziert, offenbar auf Wunsch von Ursula. Die Tatsache, dass Vulin die Kontakte übernahm und regelmäßig nach Moskau reiste, kam Vučić entgegen, er konnte so weiterhin seiner Lieblingstaktik "auf zwei Stühlen sitzen" folgen.

Unter den Bedingungen der "revolutionären" Krise wurde Vulin als Vermittler zwischen Vučić und der russischen Regierung (insbesondere deren "Machtblock") unverzichtbar. Theoretisch könnten seine Funktionen ins Außenministerium verlagert werden, wo es aber so viele Agenten Brüssels gibt, dass von einem sicheren Kommunikationskanal keine Rede mehr sein könnte.

Vulin dagegen hat sich als vertrauenswürdig erwiesen: In den 13 Jahren seiner Tätigkeit für Vučić war er für den Kosovo, die Sozialpolitik, (als Verteidigungsminister) für die Aufrüstung der Armee, mithilfe Russlands, das Innenministerium und den serbischen Geheimdienst BIA zuständig. Daher seine Verbindungen zum russischen "Machtblock", die sich für Vučić als besonders bedeutsam werden könnten, jetzt, da ein vom Ausland unterstützter Staatsstreich gegen ihn vorbereitet wird.

Man würde heute nicht denken, dass das Tandem Vučić/Vulin aus politischen Gegnern besteht, aber formal ist es das. Vulin begann als "Linker" – links von der Wand, an der ein Porträt von Che Guevara hängt. Es hing tatsächlich in Vulins Wohnung, als Jugoslawien zerfiel. In der Zeit der ethnischen Säuberungen entschied er sich für den Internationalismus, und als die linken Parteien, die Slobodan Milošević unterstützten, ein Koalitionsabkommen mit den Nationalisten von Vojislav Šešelj schlossen, verließ er seine Partei, da er ein Bündnis mit der extremen Rechten nicht akzeptieren konnte. Das war zur selben Zeit, als Vučić Propagandaminister unter der Quote der extremen Rechten wurde.

Im Laufe der Zeit näherten sich beide der politischen Mitte an, aber Vučić veränderte sich stärker: von einem Feind des Westens zu jemandem, der versucht, Serbien in die EU zu bringen. Während des Kosovo-Krieges könnte er Vulin als einen Agenten Brüssels gesehen haben, der sich der Allianz um Milošević widersetzte, die Jugoslawien zu retten versuchte.

Jetzt befiehlt Brüssel Vučić, Vulins Kopf auf einem Tablett zu servieren. Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, ist sich der besonderen Rolle des stellvertretenden Ministerpräsidenten bei den Kontakten Serbiens zu Russland bewusst und handelt nach der antisowjetischen Methodik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Verbindungen des Feindes zur Komintern bei der ersten sich bietenden Gelegenheit kappen. Dies wird nicht so sehr ein Schlag für Vulin als vielmehr für Vučić selbst sein. Sein Schicksal wird ein wichtiger Indikator für die Schwäche des serbischen Präsidenten werden.

Wenn Vulin wieder einmal "in eine andere Abteilung versetzt" wird, bedeutet dies, dass Vučić weiter manövriert. Wenn der Präsident seinen Verbindungsmann opfert, bedeutet dies, dass er sich nicht mehr wehren kann und ohne rasche Kommunikation mit Moskau (auch in den Fragen Bosnien, Kosovo, serbischer Maidan, Ukraine-Konflikt, Energie usw.) noch verwundbarer wird.

Die Intrigen und Launen der biblischen Herodias führten sie schließlich zur Verbannung, zur Armut und zum Tod sowohl von Herodes Antipas als auch von ihr selbst. In der Mythologie der Balkanslawen verwandelte sie sich nach ihrem Tod in eine Art wandernden Geist, der von Gott verflucht ist und den Namen Poganiza trägt. 

Poganiza. Was für ein treffendes Wort.

(Anmerkung der Redaktion: Die Wurzel "pogan" steht im Serbischen wie im Russischen für Unreines – Mist, Dreck, Kot)

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 01.04.2025 auf ria.ru erschienen.

Mehr zum Thema - Wie Moskau Belgrad im Kampf gegen die Farbrevolution unterstützt

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Durch die Sperrung von RT zielt die EU darauf ab, eine kritische, nicht prowestliche Informationsquelle zum Schweigen zu bringen. Und dies nicht nur hinsichtlich des Ukraine-Kriegs. Der Zugang zu unserer Website wurde erschwert, mehrere Soziale Medien haben unsere Accounts blockiert. Es liegt nun an uns allen, ob in Deutschland und der EU auch weiterhin ein Journalismus jenseits der Mainstream-Narrative betrieben werden kann. Wenn Euch unsere Artikel gefallen, teilt sie gern überall, wo Ihr aktiv seid. Das ist möglich, denn die EU hat weder unsere Arbeit noch das Lesen und Teilen unserer Artikel verboten. Anmerkung: Allerdings hat Österreich mit der Änderung des "Audiovisuellen Mediendienst-Gesetzes" am 13. April diesbezüglich eine Änderung eingeführt, die möglicherweise auch Privatpersonen betrifft. Deswegen bitten wir Euch bis zur Klärung des Sachverhalts, in Österreich unsere Beiträge vorerst nicht in den Sozialen Medien zu teilen.