
Darum ist es dem Westen bisher nicht gelungen, den Dritten Weltkrieg zu starten

Von Tarik Cyril Amar
Unter dem Titel "Die Partnerschaft: Die geheime Geschichte des Krieges in der Ukraine" veröffentlichte die New York Times ein langes Exposé, das großes Aufsehen erregt hat. Es handelt sich um einen langen Artikel, der – mit einer großen Schwerfälligkeit, die eine verkrampfte Politik verrät – als "die unerzählte Geschichte der verborgenen Rolle der USA bei den ukrainischen Militäroperationen gegen die russischen Invasionsarmeen" angepriesen wird.
Und die Autoren dieses Exposés streben eindeutig danach, sensationell zu sein: eine Enthüllung mit einem Hauch der berühmten Pentagon Papers, die, als sie 1971 der New York Times und der Washington Post zugespielt wurden, enthüllten, was für ein massenmörderisches Fiasko der Vietnamkrieg der USA wirklich war.

Doch in Wirklichkeit bietet die New York Times dieses Mal etwas um Größenordnungen weniger Beeindruckendes. Und das Problem ist nicht, dass die Pentagon Papers länger waren. Was "Die Partnerschaft" wirklich so wenig beeindruckend macht, sind zwei Merkmale: Es ist peinlich konformistisch und liest sich wie eine lange Übung in der Unterstützung der Heimmannschaft, der USA, durch "Access"-Journalismus – auf der Grundlage von Hunderten von Interviews mit führenden Persönlichkeiten ist dies die Art von "Untersuchung", die darauf hinausläuft, jedem Befragten eine Plattform zu bieten, auf der er sich so gut wie möglich und so viel wie nötig rechtfertigen kann. [Als "Access"-Journalismus wird Journalismus bezeichnet, der dem Zugang zu wichtigen Personen, oft in Form von Interviews, Vorrang vor journalistischer Objektivität einräumt, Anm. d. Red.]
Mit wichtigen Ausnahmen. Denn die Schlüsselstrategie der Entlastung ist einfach. Wenn man den ziemlich albernen gruppentherapeutischen Jargon einer tragischen Erosion des "Vertrauens" und trauriger Missverständnisse durchschaut, sind es die Ukrainer, die die Schuld daran tragen, dass die USA ihren Krieg gegen Russland nicht gewinnen konnten, und zwar in ihrem Land und über ihre Leichen.
Denn ein Grundgedanke der "Partnerschaft" ist, dass der Westen den Krieg durch die Ukraine hätte gewinnen können. Was dem Autor anscheinend nie in den Sinn gekommen ist, ist die schlichte Tatsache, dass dies immer ein absurdes Unterfangen war. Dementsprechend ist auch die entscheidende Bedeutung der politischen und militärischen Aktionen und Reaktionen Russlands kaum auf seinem Radarschirm zu finden.
Es handelt sich also um einen Artikel, in dem erklärt wird, dass ein Krieg gegen Russland verloren wurde, ohne jemals zu bemerken, dass dies vielleicht deshalb geschah, weil die Russen ihn gewonnen hatten. In diesem Sinne steht er in einer langen Tradition: Was Napoleons gescheiterten Feldzug von 1812 und Hitlers Absturz zwischen 1941 und 1945 betrifft, so haben allzu viele zeitgenössische und spätere westliche Beobachter denselben Fehler gemacht: Für sie sind es immer das Wetter, die Straßen (oder deren Fehlen), das Timing und die Fehler der russischen Gegner. Doch es sind nie – die Russen. Darin spiegeln sich alte, hartnäckige und massive Vorurteile über Russland wider, von denen der Westen nicht lassen kann. Und am Ende ist es immer der Westen, der am meisten unter ihnen zu leiden hat.
Im Falle des Ukraine-Konflikts sind die Hauptsündenböcke in der Version der "Partnerschaft" nun Wladimir Selenskij und sein Schützling und Oberbefehlshaber General Alexander Syrski, aber es gibt auch Raum für verheerende Seitenhiebe auf Syrskis alten Rivalen Waleri Saluschny und ein paar weniger bekannte Personen.
Der einzige ukrainische Offizier, der in "Die Partnerschaft" durchweg gut aussieht, ist vielleicht Michail Sabrodski, also derjenige, der – Überraschung, Überraschung – am engsten mit den USA zusammenarbeitete und sogar ein Talent dafür hatte, deren Manöver aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg anerkennend zu imitieren. Ein weiterer, weniger prominenter Empfänger des herablassenden Lobes ist General Juri Sodol. Er wird als "eifriger Konsument" von US-Ratschlägen hervorgehoben, der natürlich am Ende dort Erfolg hat, wo weniger willfährige Schüler scheitern.
Sabrodski und Sodol mögen sehr wohl anständige Offiziere sein, die dieses offensiv herablassende Lob nicht verdienen. Selenskij, Syrski und Saluschny verdienen sicherlich eine Menge sehr harter Kritik. Sie verdienen es in der Tat, vor Gericht gestellt zu werden. Aber um sie herum eine Dolchstoßlegende zu konstruieren, in der die Ukrainer am meisten dafür verantwortlich gemacht werden, dass die USA einen Krieg verloren haben, den der Westen provoziert hat, ist pervers. Genauso pervers wie die jüngsten Versuche Washingtons, die Ukraine in eine Rohstoffkolonie zu verwandeln, als Belohnung dafür, dass sie ein so gehorsamer Stellvertreter ist.
Bei allen grundsätzlichen Mängeln gibt es in "Die Partnerschaft" auch interessante Details. Dazu gehört zum Beispiel, dass ein europäischer Geheimdienstchef bereits im Frühjahr 2022 offen zugab, dass NATO-Offiziere "Teil der Tötungskette" geworden waren, das heißt, dass sie Russen töteten, mit denen sie sich eigentlich nicht offiziell im Krieg befanden.
Oder dass der Westen, anders als manche glauben, die russischen Fähigkeiten von Beginn des Krieges an nicht über-, sondern unterschätzt hat: Im Frühjahr 2022 verlegte Russland in weniger als drei Wochen "zusätzliche Kräfte nach Osten und Süden", während US-Offiziere davon ausgingen, dass sie Monate brauchen würden. In einem ähnlichen Geist blendender Arroganz meinte General Christopher Cavoli – im Grunde Washingtons militärischer Vizekönig in Europa und eine Schlüsselfigur bei der Ankurbelung des Krieges gegen Russland –, dass die ukrainischen Truppen nicht so gut wie die Briten und US-Amerikaner sein müssten, sondern nur besser als die Russen. Wieder diese dummen, selbstschädigenden Vorurteile.
Auch die "unerzählte Geschichte" der New York Times ist äußerst vorhersehbar. Trotz all der Details ist nichts in "Die Partnerschaft" überraschend, zumindest nichts Wichtiges. Was diese sensationell unsensationale Untersuchung wirklich tut, ist, zu bestätigen, was jeder, der nicht vollständig von der westlichen Informationskriegführung sediert wurde, bereits wusste: Im Ukraine-Konflikt hat Russland nicht nur – wenn das das richtige Wort ist – die vom Westen unterstützte Ukraine bekämpft, sondern die Ukraine und den Westen.
Manche mögen denken, dass dies eine Unterscheidung ist, die keinen Unterschied macht. Aber das wäre ein Irrtum. In der Tat ist es die Art von Unterscheidung, die einen Unterschied machen kann, sogar auf planetarischer Ebene, ob man will oder nicht.
Denn wenn Moskau gegen die Ukraine kämpft, während diese vom Westen unterstützt wird, bedeutet das, dass Russland einen westlichen Versuch, es durch einen Stellvertreterkrieg zu besiegen, überwinden muss. Aber die Ukraine und den Westen zu bekämpfen, bedeutet, dass Russland sich im Krieg mit einer internationalen Koalition befindet, deren Mitglieder es alle direkt angegriffen haben. Und die logische und legitime Antwort darauf wäre gewesen, sie alle im Gegenzug anzugreifen. Dieses Szenario hätte man den Dritten Weltkrieg genannt.
"Die Partnerschaft" zeigt im Detail, dass der Westen die Ukraine nicht nur indirekt unterstützt hat. Stattdessen half er immer wieder nicht nur mit nachrichtendienstlichen Erkenntnissen, die die Ukraine allein nicht hätte sammeln können, sondern mit direkter Beteiligung nicht nur an der Lieferung von Waffen, sondern auch an der Planung von Kampagnen und dem Einsatz von Waffen, die massive russische Opfer forderten. Auch hier hat Moskau gesagt, dass dies schon lange der Fall war. Und Moskau hatte Recht.
Aus diesem Grund hat der britische Telegraph in seiner Berichterstattung über "Die Partnerschaft" übrigens eine Sache ganz falsch verstanden: Die jetzt bekannt gewordenen Details der US-Beteiligung sind nicht geeignet, "den Kreml zu verärgern". Zumindest werden sie ihn nicht wütender machen als zuvor, denn Russland weiß sicher schon lange, wie viel die USA und andere – vor allem Großbritannien, Frankreich, Polen und die baltischen Staaten – direkt und praktisch zur Tötung von Russen beigetragen haben.
Wenn es eine wichtige Erkenntnis aus dem stolzen Bericht der New York Times über die äußerst überraschenden Ereignisse gibt, dann die, dass der Begriff "Stellvertreterkrieg" sowohl grundlegend richtig als auch unzureichend ist. Einerseits passt er perfekt auf die Beziehung zwischen der Ukraine und ihren westlichen "Unterstützern": Das Selenskij-Regime hat das Land als Ganzes und Hunderttausende von ukrainischen Menschenleben an den Westen verkauft. Der Westen hat sie benutzt, um einen Krieg gegen Russland zu führen, womit er ein übergreifendes geopolitisches Ziel verfolgt: Russland eine "strategische Niederlage" zuzufügen, d. h. eine dauerhafte Degradierung zu einem zweitklassigen, de facto nicht souveränen Land.
Das ist keine Neuigkeit, außer vielleicht für die vielen, die von westlichen Informationskriegern einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, vom Historiker Tim Snyder, der zum Kriegsapostel wurde, bis hin zu niederen X-Agitatoren mit ukrainischen Flaggen und Sonnenblumen in ihren Profilen.
Nicht ganz so verblüffend, aber etwas interessanter ist, dass auf der anderen Seite der Begriff Stellvertreterkrieg immer noch irreführend gutartig ist. Das Hauptkriterium dafür, dass es sich um einen Stellvertreterkrieg handelt – und nicht um das Gegenteil, nämlich einen direkten Krieg –, ist nämlich, dass die Großmächte, die Stellvertreter einsetzen, sich auf indirekte Unterstützung beschränken. Es stimmt, dass dies in der Theorie und in der historischen Praxis nicht völlig ausschließt, in begrenztem Umfang auch direkt zu handeln.
Doch im Fall des Ukraine-Konflikts haben die USA und andere westliche Staaten – und man sollte nicht übersehen, dass "Die Partnerschaft" kaum auf all die schwarzen Operationen eingeht, die auch von ihnen und ihren Söldnern durchgeführt werden – eindeutig und unverhohlen mehr als einen Stellvertreterkrieg geführt. In Wirklichkeit führt der Westen schon seit Jahren einen Krieg gegen Russland.
Das bedeutet, dass zwei Dinge wahr sind: Der Westen hätte beinahe den Dritten Weltkrieg begonnen. Und der Grund, warum er es nicht getan hat – zumindest noch nicht –, ist Moskaus ungewöhnliche Zurückhaltung, die, ob Sie es glauben oder nicht, die Welt gerettet hat.
Hier ist ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, die USA kämpfen gegen Kanada und Mexiko (und vielleicht Grönland) und erfahren, dass russische Offiziere entscheidend daran beteiligt sind, ihre Truppen mit verheerenden Massenvernichtungswaffen zu beschießen. Was meinen Sie, was dann passieren würde? Eben. Und dass dies während des Ukraine-Krieges nicht geschehen ist, liegt daran, dass Moskau der Erwachsene im Raum ist. Das sollte Ihnen zu denken geben.
Übersetzt aus dem Englischen. Tarik Cyril Amar ist Historiker an der Koç-Universität in Istanbul, er befasst sich mit Russland, der Ukraine und Osteuropa, der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, dem kulturellen Kalten Krieg und der Erinnerungspolitik.
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